Ein Modellprojekt zur Verbesserung der Diagnose und Behandlung von Tuberkulose bei Kindern

Seit 2014 unterstützt die Tereska-Stiftung ein Projekt der Ärzte ohne Grenzen in Tadschikistan, bei dem es darum geht, kindgerechte Diagnose- und Behandlungsmethode für Tuberkulose (und vor allem multiresistenter Tuberkulose) zu entwickeln und zu etablieren.

Die fünfjährige Umeda zeigt ihren Therapie-Begleiter: Immer, wenn sie ihre zahlreichen Medikamente gegen ihre resistente TB eingenommen hat, erhält sie einen Aufkleber. © Wendy Marijnissen

Ärzte Ohne Grenzen schreibt dazu: Tuberkulose ist eine Krankheit, gegen die auch Kinder sehr anfällig sind. In Regionen, in denen TB endemisch ist – vor allem in afrikanischen Ländern und den Staaten der ehemaligen Sowjetunion – ist die Krankheit eine häufige Todesursache. Laut dem „Global Tuberculosis Report 2013“ der WHO sind weltweit schätzungsweise 8,7 Millionen Menschen mit TB infiziert. Rund sechs Prozent der Infizierten sind Kinder. Da die Diagnose von TB vor allem bei Kindern sehr schwierig und zu wenig verbreitet ist, sind diese Zahlen nur Schätzungen und die Rate der mit TB infizierten Kinder liegt in Wirklichkeit wahrscheinlich weitaus höher. Über viele Jahre wurde das Thema Kindertuberkulose vernachlässigt. In Tadschikistan herrscht – wie in vielen Staaten Zentralasiens – in weiten Teilen der Bevölkerung Armut, der Staat kämpft mit großen infrastrukturellen Problemen. Das Gesundheitssystem ist chronisch unterfinanziert und kann zum Teil selbst elementare Fürsorge nicht leisten. Ein Ausdruck dieser Defizite ist die hohe TB-Rate im Land. Zudem sind resistente TB-Formen ein großes Problem. In Tadschikistan und anderen Staaten der ehemaligen Sowjetunion machen diese resistenten Formen einen sehr hohen Anteil aller TB-Infektionen aus. Bis zum Projektstart 2011 von Ärzte ohne Grenzen wurden an multiresistenter TB erkrankte Kinder in der tadschikischen Hauptstadt Duschanbe weder diagnostiziert noch behandelt.

Der Fokus der Arbeit von Ärzte ohne Grenzen in Duschanbe liegt auf der Entwicklung eines pädiatrischen Modellprojekts. Es soll zeigen, dass mit den heute zur Verfügung stehenden Möglichkeiten sowohl eine verbesserte Diagnose als auch eine kindgerechte Behandlung von Tuberkulose möglich sind. Innerhalb der pädiatrischen TB-Station wurde ein Programm zur Behandlung von multiresistenter Tuberkulose aufgebaut – in dieser Form ist das Projekt einmalig.

Durch den innovativen Charakter unserer Arbeit soll das Projekt Möglichkeiten aufzeigen, wie Mädchen und Jungen mit Tuberkulose kindgerecht behandelt werden können: Die in dem Projekt entwickelten Diagnose- und Behandlungsmethoden weisen somit über die Grenzen Tadschikistans hinaus und sollen auch in anderen Ländern einsetzbar sein.    

Rückblick auf die Aktivitäten von Ärzte ohne Grenzen in 2014

26 Kinder mit resistenter TB konnten 2014 in das Projekt aufgenommen werden. Insbesondere die aktive Suche in Familien, in denen Erwachsene erkrankt sind, führte dazu, dass Ärzte ohne Grenzen sechs Kinder identifizieren und ihnen eine Behandlung ermöglichen konnten. Ärzte ohne Grenzen behandelt alle in der Familie Erkrankten, die in einem Haushalt leben, das heißt auch Eltern und Großeltern, da nur, wenn alle Familienmitglieder gesunden, eine Neuansteckung verhindert werden kann.

Bei dem zwei Jahre alten Hassan wird resistente TB vermutet, da auch seine Mutter daran erkrankt ist. Per Sputuminduktion wird eine Probe für die Labor- Diagnose gewonnen. © Wendy Marijnissen
Bei dem zwei Jahre alten Hassan wird resistente TB vermutet, da auch seine Mutter daran erkrankt ist. Per Sputuminduktion wird eine Probe für die Labor- Diagnose gewonnen. © Wendy Marijnissen

Neues Medikament und neue Methode

Ärzte ohne Grenzen hat im Jahr 2014 vier Kinder mit einer extrem resistenten Tuberkulose diagnostiziert, bei denen auch einige Ersatzmedikamente nicht mehr wirken. Seit kurzem gibt es jedoch ein neues TB-Medikament: Bedaquilin. Dies ist für einige der Patienten die letzte Behandlungsoption. In Russland behandelt Ärzte ohne Grenzen mit Erfolg in einem anderen TB-Projekt bereits Patienten mit einer Medikamentenkombination, die Bedaquilin einschließt. Endgültige Ergebnisse werden für Ende 2016 erwartet.

Eine in Tadschikistan neue Methode zur Gewinnung einer Diagnose-Probe wurde in Duschanbe eingeführt: Bei der „Gastric Lavage Methode“ wird der Magensaft des Patienten am Morgen abgezogen. Dieser Magensaft, in dem sich über Nacht eine erhöhte Bakterienkonzentration sammelt, wird im Labor untersucht. Die Methode ist speziell bei Kindern vielversprechend, da bei ihnen das Hervorbringen eines Sputums (Auswurfes) problematisch ist. Die bereits im Projekt eingeführte Sputuminduktion und die Herstellung eines kindgerechten Medikamenten-Sirups haben sich bewährt und werden fortgeführt. Es ist geplant diese Erfahrungen zeitnah in ein weiteres TB-Projekt für Kinder in Usbekistan zu übertragen.

Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsministerium

Die Zusammenarbeit mit dem tadschikischen Gesundheitsministerium wurde weiter vertieft und verbessert. TB-Behandlungsprotokolle wurden verbindlich festgehalten, auch die psychosoziale Unterstützung TB-kranker Kinder, die oft lange im Krankenhaus bleiben müssen und bei ihrer Heimkehr unter Stigmatisierung leiden, wurde nach gemeinsamen Gesprächen verbessert. So werden aktuell weitere Zimmer im Krankenhaus als Spielzimmer umgebaut. Kinder, die gesund entlassen werden, erhalten vom Gesundheitsministerium ein Zertifikat, damit sie zeitnah wieder zur Schule gehen können und möglichst wenig unter Ausgrenzung leiden. Dies bleibt jedoch weiterhin eine große Herausforderung.

Das Gesundheitsministerium führte in Kooperation mit Ärzte ohne Grenzen ein Training mit Ärzten aus Tadschikistan und einigen Nachbarländern zu TB durch – in der Folge wird das Wissen auch an weitere Ärzte der Region weitergegeben.    

Zahlen und Fakten (Januar bis Dezember 2014)

·   138 Kinder mit herkömmlicher TB in Behandlung

·   22 Kinder mit resistenter TB in Behandlung

·   4 Kinder mit extrem resistenter TB in Behandlung

·   9 internationale und 59 nationale Mitarbeiter arbeiten in dem Projekt

Kontrolluntersuchung: Eine Medizinerin von Ärzte ohne Grenzen hört die Lunge eines vier Jahre alten Patienten ab.
© Wendy Marijnissen
Kontrolluntersuchung: Eine Medizinerin von Ärzte ohne Grenzen hört die Lunge eines vier Jahre alten Patienten ab.
© Wendy Marijnissen

Ausblick

Das neue Medikament Bedaquilin bringt Hoffnung, dass sowohl Patientinnen und Patienten mit resistenter als auch mit extrem resistenter Tuberkulose eine bessere Chance auf Heilung angeboten werden kann. Ein weiteres neues TB-Medikament ist Delamanid. Sobald die Bedingungen, es einzusetzen, geklärt sind, möchte Ärzte ohne Grenzen dieses weitere Medikament für Patienten mit extrem resistenter TB in Duschanbe einsetzen. Aktuell werden Gespräche mit dem Hersteller und den Verantwortlichen in Tadschikistan geführt.

Um die Abbruchrate der langwierigen Therapie zu verringern, hat Ärzte ohne Grenzen ein Begleitbuch für erwachsene Patienten entwickelt. Es beantwortet viele Fragen zu TB, enthält Tipps zum Beispiel zum Umgang mit Nebenwirkungen oder zur gesunden Ernährung und kann als Therapie-Tagebuch genutzt werden. Sollte sich das Handbuch als erfolgreiches Instrument durchsetzen, möchte das Team in Duschanbe es auch für Eltern von an TB erkrankten Kindern adaptieren.

Quelle Ärzte Ohne Grenzen, Stand April 2015

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